Home | Kontakt | 
Thüringer Schlösser und Gärten : Home

Schlosskirchen und Protestantismus

 
2016-10-20

Die protestantische Schlosskirche und ihr Verhältnis zum Schlossbau

Herbstsymposion der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland 21. bis 22. Oktober 2016 auf Schloss Friedenstein in Gotha

 

Anlässlich des bevorstehenden fünfhundertjährigen Reformationsjubiläums veranstaltet die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten gemeinsam mit der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ihr diesjähriges Herbstsymposion zum Thema „Schlosskirchen und Protestantismus. Die protestantische Schlosskirche und ihr Verhältnis zum Schlossbau“.

„Schloss“ und „Kirche“ umschreiben als Begriffspaar ein weites Feld assoziativ schillernder Beziehungen und Polaritäten, parallel bzw. synonym zu „regnum et scaerdotium“, „Thron und Altar“, „Staat und Kirche“. Spätestens seit karolingischer Zeit zählte der Sakralraum zu den wesentlichen Elementen eines Herrschaftssitzes, war er Ausdruck für die religiös begründete Legitimation weltlicher Macht.

Diese traditionelle herrschaftliche Bauaufgabe, in welcher individuelle Frömmigkeit, kirchlicher Auftrag und weltliches Repräsentationsbedürfnis meist untrennbar vereint waren, erlebte seit Mitte des 16. Jahrhunderts noch einmal eine lange Blütezeit, welche mehr oder minder kontinuierlich bis in das 19. Jahrhundert fortdauern sollte. In unzähligen Schlössern zumal der fürstlichen Landesherren wurde in diesem Zeitraum ein gottesdienstlich genutzter Sakralraum gebaut, eingerichtet oder neu ausgestattet. Dabei unternahm man zumeist Anstrengungen für eine gleichermaßen prachtvolle und konfessionell programmatische Gestaltung. Oftmals in jahrelanger und kostspieliger Arbeit entstanden, zählt der Kirchenraum neben Hofanlage, Treppenhaus, herrschaftlichen Appartements und Festsaal zu den künstlerischen Höhepunkten eines Schlosses.

Ausgelöst wurde diese Baukonjunktur im 16. Jahrhundert durch tiefgreifende Zäsuren im Hofleben wie den Übergang von der Burg zum Schloss, die Vergrößerung des Hofstaats und seine straffere Organisation als Kirchengemeinde sowie vor allem durch die Reformation. Zum Standardprogramm zählte die Hofkirche zuvorderst in den Residenzschlössern des Kaisers und der fürstlichen Landesherren, denen im Alten Reich das Prädikat des Gottesgnadentums vorbehalten war. Auf protestantischer Seite kam zudem das landesherrliche Kirchenregiment hinzu, welches die Residenzen zu kirchlichen Zentren, vergleichbar den ehemaligen Bischofssitzen, machte. Die Personalunion des evangelischen Landesherrn als summus episcopus (oberster Bischof), das heißt seine kirchliche Lenk- und Schutzfunktion, fand baulichen Ausdruck in repräsentativ und programmatisch gestalteten Schlosskirchen bzw. -kapellen ebenso wie in Bau und Ausstattung städtischer Residenzkirchen.

Das diesjährige Herbstsymposion wird das Themenfeld der protestantischen Schloss- und Residenzkirchen und der damit verbundenen aktuellen Forschungsfragen sowohl übergreifend als auch in exemplarischen Einzeluntersuchungen reflektieren. Auf der Grundlage der zu erörternden kirchen- und reichsgeschichtlichen Voraussetzungen gilt es, die konfessions-spezifischen Alleinstellungsmerkmale evangelischen Kirchenbaus und protestantischer Herrschaftsrepräsentation ebenso wie die – in der Forschung bislang nicht hinreichend beachtete – Adaption vorreformatorischer Traditionen zu reflektieren. Zentrale Fragen gelten der Architekturtypologie protestantischer Schlosskirchen und -kapellen; der Raumdisposition innerhalb der Residenzen; der liturgischen Ausstattung; den ikonographischen Programmen und ihren Vorbildern; konkurrierender Herrschaftsrepräsentation; nicht zuletzt auch den mit den Baumaßnahmen verbundenen Tradierungsstrategien (halböffentliche Nutzung; mediale Vermittlung durch Einweihungsschriften etc.). Die auf unterschiedliche Regionen ausgerichteten Vorträge spannen den Bogen von den ersten eigens für den neuen Glauben konzipierten Räumen (Torgau, Stuttgart, Celle, Schmalkalden) bis hin zu den ganz anders gearteten Bau- und Ausstattungskampagnen des 19. Jahrhunderts. Speziell werden auch die als Residenzkirchen in Anspruch genommenen Stadtkirchen und der architekturgeschichtliche Einfluss einzelner Schlosskirchen auf die Entwicklung des evangelischen Kirchenbaus betrachtet.

Der Tagungsort, Schloss Friedenstein in Gotha, ist mit Bedacht gewählt: Das ab 1643 von Ernst dem Frommen errichtete Residenzschloss stellt geradezu ein steingewordenes Symbol lutherischer Landesherrschaft am Ausgang des konfessionellen Zeitalters dar – einstmals am Außenbau geschmückt durch die Eckfiguren Mose, Elia, Johannes der Täufer und Luther als den vier wichtigsten Erneuerern in Glaubensfragen. In den frühbarocken Schlossbau ist zudem das Kirchenportal des Vorgängerbaus Grimmenstein aus der Mitte des 16. Jahrhunderts – des ersten protestantischen Kirchenbaus in Thüringen – spolienartig integriert. Die Schlosskirche des Friedenstein wurde im Innern 1697 neugestaltet und gilt als bedeutendes Beispiel protestantischen Kirchenbaus; die Orgel wurde jüngst aufwendig restauriert.

Das Symposium wird sich damit an einem exemplarischen Ort deutscher Geschichte einem Forschungsgebiet widmen, das für Kirche und Staat weit über Thüringen hinaus nachhaltige Bedeutung erlangt hat.

 
« zurück